Gefangen an Bord - Seeleute zu Zeiten von Corona
Auf den ersten Blick klingt es harmlos. Ein Kommilitone von mir, der zurzeiseine Praxisfahrzeit absolviert, war mit seinem Schiff letztes Wochenende drei Tage in meiner Stadt. Ein glücklicher Zufall mag man meinen, vor allem gepaart mit der langen Liegezeit, doch von Bord gehen und sich mit mir treffen durfte er nicht. Natürlich ergibt das auch Sinn, schließlich sollen wir alle Kontakte meiden. Doch dies ist eine unscheinbare Spitze eines sehr großen Eisbergs. Denn seit Beginn der Pandemie sind Seeleute an Bord effektiv in Dauer-Quarantäne. Um das zu verstehen, muss man zunächst den ihren Alltag verstehen. Dafür hier mal ein kleines Gedankenexperiment:
Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten in einem mittelständischen Unternehmen, Betriebsgröße 7 bis 24 Personen. In diesem Betrieb haben Sie ein Schlafzimmer mit kleinem Bad. Die Größe und Ausstattung ihrer Räumlichkeiten sind von ihrer Position im Unternehmen abhängig. Dazu gibt es eine kleine Kantine und vielleicht ein oder zwei Aufenthaltsräume so wie eine Dachterrasse. Sie leben in diesem Betrieb, und verlassen ihn in der Regel nie. Zu allem Überfluss haben Sie meist auch weder Handyempfang noch Internet. Kontakt zu Familie und Freunden ist also nur sehr bedingt möglich. Dafür arbeiten Sie. In Ihrem Vertrag stehen vielleicht 90 h/Woche, aber Sie wissen ja wie das ist: Irgendein Mist, irgendetwas dringendes, unaufschiebbares passiert immer, und schwubs, sind schon wieder Überstunden da. Wenn man Sie fragte, welcher Tag gerade ist, müssten Sie erst einmal nachdenken. Das Datum mögen sie kennen, aber Wochentage spielen keine Rolle in Ihrem Leben. Alle paar Wochen ergibt sich dann mal die Möglichkeit, das Gebäude für einen Tag zu verlassen und die Dinge zu tun, die sie möchten. Die Möglichkeit, andere Menschen zu sehen. Etwas essen, was es in der Kantine nicht gibt. In eine Kneipe oder einen Club gehen. Oder doch lieber in ein Kino? Wenn gerade ein Film in einer Sprache läuft, die Sie verstehen. Oder wollen Sie lieber mal in einem Park sitzen, unter grünen Bäumen. Vielleicht müssen Sie auch dringend neue Freizeitkleidung kaufen. Und dieses Mal werden sie einen größeren Vorrat an Chips und Schokolade besorgen als letztes Mal. Und wahrscheinlich wird er auch wieder nicht bis zur nächsten Türöffnung reichen…
So leben Sie, je nach Stellung vielleicht nur 4 Monate, vielleicht ein halbes Jahr, vielleicht haben Sie aber auch so einen 11-Monats-Vertrag.

Nun, das ist der Normalzustand. Seit Corona öffnen sich die Türen nicht mehr. Bei Seeleuten hat das zwei Gründe. Zum einen sind es die Einreisebestimmungen vieler Länder, die den Landgang von ausländischen Seeleuten verbietet. Dabei ist die Idee, dass ausgerechnet ein Seefahrer*innen, die selten genug von ihren Schiffen kommen das Virus mitbringen beinahe absurd. Das Problem liegt an anderer Stelle: Sie könnten das Virus an Bord bringen. Und die Folgen eines Ausbruchs an Bord wären immens. Nicht weit von der Küste, und medizinische Hilfe gibt es nur noch per Telefon. Die Wahrscheinlichkeit das es bald ein Großteil der Crew hat, ist gewaltig. Mal ganz abgesehen davon, dass einem Schiff, auf dem eine gefährliche Krankheit ausgebrochen ist, auch die Einfahrt in einen Hafen verwehrt werden kann. Es ist also mehr als verständlich, dass viele Reeder den Landgang generell untersagen, auch in den wenigen Ausnahmen, wo er möglich wäre. Diese Isolation zehrt an der mentalen Gesundheit vieler Seeleute. Und doch ist sie nicht das schlimmste Problem, schließlich ist ja ein Ende in Sicht, nach dem Vertrag geht es nach Hause zu Familie und Freunden. Oder?
Corona führte zu einer nie dagewesenen Menge an Ein-; Aus-; und Durchreisebeschränkungen und stellte die Seefahrtindustrie vor ein völlig neues Problem: Wie bekomme ich Leute von Bord und neue Leute an Bord. Viele Staaten lehnten auf einmal kategorisch die Durchreise ab. Andere gingen sogar so weit, dass sie ihren eigenen Staatsbürgern die Heimreise verwehrten. Als Folge davon strandeten Seeleute auf ihren Schiffen. Sie können trotz Ende ihres Vertrages nicht Heim, dürfen auch in keinem anderen Land von Bord, also bleiben sie. Und arbeiten weiter, Tag für Tag, über Zeiten von mehr als anderthalb Jahren. Es ist schwierig Zahlen zu finden, wie viele es betrifft. Erst waren es 200.000 bis 400.000, dann entspannte sich die Lage über den Sommer. Doch mit den steigenden Fallzahlen in den letzten Monaten wurden auch die Reisebestimmungen wieder härter. Zurzeit wird wieder von etwa 200.000 ausgegangen, die auf ihren Schiffen festsitzen. Um diese Zahl in einen Kontext zu setzen: Man sagt, dass aktuell etwa 1Mio. Seefahrer unterwegs sind.
Diese Gestrandeten sind am Ende ihrer Kräfte, sowohl im physischen als auch im psychischen Sinne. Sie sind zu einem Leben in permanenter Arbeit gezwungen, das auf Dauer niemand verkraftet. Trotz diverser Kampagnen, die auf ihr Schicksal aufmerksam machen wollen, bemühen sich viele Staaten wenig bis gar nicht um eine sichere Heimreise ihrer Seeleute zu ermöglichen. Die Reeder reagierten sehr unterschiedlich auf dieses Problem. Während manche Routen änderten und Schiffe auf Umwege schickten, um Crewwechseln zu ermöglichen, ignorierten andere das Problem oder nutzten die Situatuion schier aus. Überschreitungen von maximalen Einsatzzeiten werden zur Zeit nicht geahndet - wie auch, wenn niemand besagte Personen an Land lassen will.
Dieses Problem hat allerdings noch eine andere Seite. Für jeden gestrandeten gibt es wenigstens einen weiteren, der nicht an Bord kann. Für einen europäischen Offizier mit Festanstellung mag das wie ein sechser im Lotto klingen, das er gerade trotz Bezahlung nicht an Bord muss. Das sind allerdings die wenigsten. Die einfachen Matrosen – sie stammen in der Regel aus Asien oder Ozeanien – haben Verträge und Bezahlung immer nur für eine Reise. Für diese Menschen ist es gerade unmöglich, den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien zu verdienen. Auch viele Decksleute, die gerade nach Hause gehen, sind unsicher, wann ob und wann sie wieder an Bord dürfen.

Es ist ein heikles Thema, ich habe eine Weile überlegt, ob ich es überhaupt ansprechen soll. Nur so viel vorweg, ich neide keinem seine Impfung. Niemand bestreitet, dass Seeleute systemrelevant sind. Sie transportieren über 90% des Welthndels, ohne sie stünde alles still. In Deutschland sind sie trotzdem höchstens in Gruppe 3 zu finden, dort ist die Rede von Leuten im Transport und Verkehrswesen. Hier scheint eher ein Denkfehler vorzuliegen. Ja, Seeleute sind unter sich in ihrem Alltag. Nur sind Seeleute Vielreiser, müssen sich auch in diesen Zeiten stundenlang in Flugzeuge setzen. Und sind sie einmal an Bord, sind sie schnell weit weg von dem, was wir als ausreichende medizinische Versorgung bezeichnen würden, sie sind im Falle einer Infektion daher in größerer Gefahr. Abhängig von ihren Fahrtgebieten natürlich, bin ich der Meinung das einigen eine höhere Einstufung daher zustünde. Unabhängig davon, wäre es International sehr wichtig, Impfungen für Seeleute zu organisieren, auch solche, die sich zurzeit an Bord befinden. Es würde die Akzeptanz von durchreisenden Seeleuten weltweit erleichtern und könnte damit einen Teil der Probleme durchaus lösen. Und vielleicht bekommt dann auch der ein oder andere, wenn irgendwann die gesamte Besatzung geimpft ist, auch seinen lang ersehnten Landgang. Nicht um Feiern zu gehen, sondern um einfach mal was anderes zu sehen als diese verfluchten immergleichen Blechwände….

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