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Zwei Wochen an Bord - Zwischen nächtlichen Anlegemanövern und Badelatschen

bentonreiter
9. Aug. 2021
5 Min. Lesezeit

Kleines Schiff ganz groß: Zwischen den Häusern von Korsör sieht das Schiff ganz schön mächtig aus.

Unter normalen Umständen sind zwei Wochen eine lange Zeit, doch seit ich hier bin, vergehen die Tage wie im Flug. Eingelebt habe ich mich erstaunlich schnell, und da wir nur sieben Leute an Bord sind, habe ich auch mit den Namen keine Probleme, was sonst immer so eine Sache ist bei mir. Zeit, euch das Schiff ein wenig vorzustellen.

Die Anouk ist ein 90m KüMo aus dem Jahr 2000. Na ja, streng genommen sind es 89,85m oder so, damit darf das Schiff fast überall ohne Lotse fahren. Aber dazu ein andermal mehr. Es ist ein sehr ordentliches und gepflegtes Schiff, was keine Selbstverständlichkeit ist. Es ist eines der wenigen Schiffe, die noch unter Deutscher Flagge betrieben werden. Dem entsprechend hoch sind manche Standards.

Gefahren wird Sie von nur 7 Personen, den beiden Offizieren aka Käptn und Steuermann, zwei NOAs, also Auszubildenden und 3 Philippinischen Decksleuten, von denen einer zu Hälfte Koch ist und einer zur Hälfte für die Maschine verantwortlich.

Das klingt auf den ersten Blick sehr wenig, passt aber zu dem Schiff und Fahrtgebiet. Wir sind nie länger als zwei Tage unterwegs, transportieren vor allem Landwirtschaftliche Schüttgüter zwischen Dänemark, Deutschland und dem nahen Baltikum.

Das Leben an Bord ist geprägt von Arbeit und Schlafen. Auch wenn alle bis auf die zwei Offiziere theoretisch geregelte Arbeitszeiten zwischen 8 und 5 haben, heißt das noch lange nicht, dass zu anderen Zeiten keine Arbeit anfällt. Angelegt haben wir bis jetzt überhaupt nur außerhalb dieser Zeit, und vorzugsweise mitten in der Nacht. Und so unangenehm es auch klingt, Nachts um um drei aufstehen zu müssen, um irgendwas zu tun, so viel Freude macht es auch, sich nach einer Stunde wieder hinzulegen, während für die Leute anderswo der Tag beginnt. Oder es wird Nachts geladen, dann muss Ladungswache gegangen werden. Das hatte ich das letzte mal in Hamburg, und das ist bisweilen eine ziemlich langatmige Aufgabe. Außer hin und wieder die Leinen zu kontrollieren geht es vor allem um Anwesenheit. Beim ersten Mal jetzt war es natürlich total aufregend, mit wichtigem Blick ums dunkle Schiff zu schleichen...


Bevor ich an Bord kam, hatte ich Bedenken, ob ich mit dem Arbeiten zurecht komme, hatte ich doch länger nicht mehr gearbeitet und nie zuvor in dem Umfang. Doch ganz im Gegenteil, ich finde Freude an den einfachsten Dingen und begutachte gerne das getane Werk. Die Ladung, die wir so fahren, ist ziemlich Dreckig, was zur Folge hat, dass sehr viele Ecken häufig saubergemacht werden müssen. In Kombination mit Feuchtigkeit bildet der Staub einen Brei, dessen Aroma entfernt an einen Kuhstall erinnert, und der sich in allen erdenklichen und unerdenklichen Ecken bildet. Und wenn es nichts zu putzen gibt, gibt es irgendwo was zu streichen. Schließlich sieht das Schiff nicht umsonst so gut aus. Natürlich Male und Fege ich hier nicht nur. Eine besondere Beziehung baue ich auch zu unserem irgendwie schiefen Gantry Kran auf. Dieser Kran, der auf den ersten Blick nicht aussieht wie einer, ist dazu da, die Lukendeckel zu bewegen. Man fährt ihn zu Zweit, einer Steuert und ein Beifahrer auf der anderen Seite weist ein. Das klingt simpel, ist es auch im Prinzip, nur irgendwie passt es nie auf beiden Seiten so ganz, und gerade wenn man denkt, jetzt liegt es perfekt, zu damit, rumst es auf der anderen Seite ganz gewaltig. Aber hey, das tut es wenigstens nicht nur bei mir.

Steuern durfte ich auch schon versuchen. Der erste Versuch war vor allem von Schlangenlinien geprägt, wobei es mir da die Strömung auch nicht besonders leicht gemacht hat. Gesteuert wird (Wenn der Autopilot nicht an ist) mit einem lächerlichen, winzigen Joystick, der das Ruder bewegt. Wichtig, das Ruder, nicht das Schiff an sich! Das ist ein wenig unintuitiv am Anfang, man muss ein wenig Gefühl dafür entwickeln. Der kleine Hebel gibt einem natürlich kein Feedback, und aufgrund der Größe ist das ganze System natürlich träge. Stellt euch einfach ein Auto vor, bei dem ihr auf Hälfte der Kurve schon in die Gegenrichtung einschlagen müsst, damit ihr am Ende der Kurve dann wieder geradeaus fahrt.

Beim zweiten Versuch heute früh auf der Elbe funktionierte es auf jeden Fall schon deutlich besser. Einzig und allein meine Hacken finden Steuern ziemlich doof, denn man muss das im stehen machen und kann sich dabei nicht so viel bewegen.


Beim Laden mächtig vertrimmt ... So schief geht es nicht auf See


Und neben der Arbeit? Nun ja, das leben an Bord ist erstaunlich ruhig, jeder geht in seiner Freizeit so seinen Dingen nach, und schlafen ist immer eine gute Option. Wie an jedem anderen Ort aber gibt es auch seltsame Gepflogenheiten, von denen ich euch ein paar Vorstellen möchte:

1. Die Messe ist ein arbeitsfreier Ort


Die Messe (Essraum) wird auf diesem kleinen Schiff von allen gemeinsam genutzt. Auf manchen größeren Schiffen gibt es auch zwei Messen, die Offiziere essen dann unter sich.

Während es in Betrieben an Land fast Kult ist, sein Mittagessen gemeinsam mit dreckigen Gesichtern und im Blaumann zu nehmen, wird sich an Bord zum Essen stets umgezogen. Arbeitsbekleidung hat in der Messe nicht verloren. Es mag bei uns allerdings schon mal vorkommen, das über Arbeit gesprochen wird.


2. Badelatschen mit Socken sind Dresscode


Da wir in unseren Kammern Teppich haben, und auch den Rest des Innenraums nicht unbedingt andauernd mit unseren Arbeitsschuhen belaufen wollen, werden irgendwie überall drinnen Latschen mit Socken getragen. Auf den ersten Blick hat das was von, wie drücke ich das jetzt politisch korrekt aus, Köln Chorweiler, man gewöhnt sich aber schnell dran. Lediglich wenn ein Lotse an Bord ist, tragen die Leute plötzlich Schuhe auf der Brücke. Oder vom Käptn...


3. Man macht seine Tür immer selber auf


Das ist etwas, dass ich ein wenig anstrengend finde. Wir schließen unsere Kammertüren nicht ab – wozu auch - , doch die Kammern sind sehr privat. Das ist auch gut so, schließlich wohnen wird da für eine längere Zeit. Nun mag es aber dazu kommen, dass mal jemand an die Tür klopft und irgendetwas von einem will. Wenn man dann mit Ja oder so antwortet, passiert meist erst mal gar nichts, oder man bekommt durch die Tür erklärt, worum es geht. Herein kommt aber trotz Aufforderung niemand, dem man nicht auch öffnet. Das ist irgendwie aus meiner Sicht etwas umständlich, hat aber mit Sicherheit etwas damit zu tun, das man dort Missverständnisse vermeiden will, schließlich sitzt man andauernd ohne Hose rum, wenn man gerade Pause macht und dafür den Blaumann ausgezogen hat.


Ansonsten möchte ich noch sagen: Lärm ist nicht gleich Lärm. Auf einem Schiff ist es irgendwie immer laut, sei es die Hauptmaschine auf See oder in den meisten Häfen der Generator. Ich bin ein Mensch, der sehr gut Geräusche ausblenden kann, ich könnte mitten auf einer Baustelle für eine Prüfung lernen. Trotzdem wache ich nachts auf, wenn jemand auf der Brücke mit dem Gashebel spielt, oder wenn mein Zimmernachbar nachts den Wasserhahn betätigt, auch wenn der sehr viel leiser ist, als die Maschine. Auch im Schlaf ist der Mensch zu ziemlich selektiven Hören fähig. Und irgendein Geräusch gibt es hier immer...


Was gibt es noch zu erzählen? Das Essen ist sehr gut, bis auf die Soljanka heute, die war vor allem Sauer. Die Philippinos fangen in jeder Lebenslage Fisch, auch erstaunlich erfolgreich, und gestern hatte ich eine wunderbare gebratene Makrele (Ja, ich liebe Makrelen). Die essen den auch alle, in Mengen und Formen, die einen manchmal komisch gucken lassen. Manchmal bin ich neugierig und probiere was aus ihrem Kochtopf. Das meiste war bis jetzt erstaunlich unspektakulär, vor allem Brühen mit allen möglichen Zutaten. Begeistert bin ich aber von den kleinen Stücken gebratenem Fleisch mit einer Art süßem Sirup, die es zum Frühstück gibt. Das klingt bestimmt komisch, schmeckt aber sehr gut. Da wir viele kleinere Häfen anlaufen, ist das mit dem Landgang kein so großes Problem. Ich hab auch schon eine erste Errungenschaft aus Dänemark. Wollt ihr mal raten, was?

Richtig, ein paar Badelatschen.

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