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Die Piratin: 1. Das Schloss

bentonreiter
18. Sept. 2021
7 Min. Lesezeit

Ich trat an den Waldrand uns ließ meinen Blick schweifen. Das also war das berüchtigte Eilean Donan Castle. In einer dunklen Zeit hatte man es auf der kleinen Landzunge erbaut. Die alten Mauersteine hatten viele Kriege und noch mehr Jahre überdauert. An jenem Tag wirkte der Ort geradezu lächerlich friedlich. Die Sonne schien, Vögel zwitscherten und das Wasser glitzerte. Ich hatte einen belebteren Ort erwartet, bedrohliche Kanonen oder zumindest bewaffnete Wachen. Statt dessen wirkte der Ort aus dieser Perspektive beinahe verlassen. Lediglich zwei alte Autos, die an der Brücke standen, deuteten auf Bewohner hin. Die Fahrzeuge waren bestimmt 40 Jahre alt, trotzdem gepflegt und schienen fahrbereit.

Hier also lebte sie, die Frau, die mich vielleicht zum Festland bringen konnte. Ich stellte meinen kleinen Rucksack ab und nahm das archaische, abgesägte Gewehr hinaus, was ich seit meinem Aufbruch aus der Stadtenklave bei mir führte. Es war ein uralter, ungenauer Schießprügel, aber er erfüllte den Zweck der Verteidigung und die einfache Munition ließ sich mit etwas Mühe selbst herstellen. Ich schulterte den Rucksack wieder und hing mir das Gewehr über die Schulter. Es war allem voran eine Geste. Auch ich bin ein Kämpfer, nehmt mich ernst. Ich hatte nicht vor, jemandem zu drohen, schließlich war ich nicht so dumm zu glauben, dass ich in eine Piratenfestung marschieren konnte und mit Gewalt irgendetwas durchzusetzen.

Ich holte einmal tief Luft und trat auf die Lichtung. Auch wenn die alte Burg verlassen wirkte, so war ich mir sicher, das irgendwo in den dunklen Fenstern Wachen standen, und die Lichtung beobachteten. Die Festung war einfach zu verteidigen, ihr einziger Zugang eine an die 200 Meter lange Brücke. Niemand konnte sich dort einfach anschleichen. Instinktiv spannte ich die Schulten an, als ich die Brücke betrat. Noch immer regte sich nichts. Einen Moment dachte ich darüber nach, laut zu rufen, doch irgendwie kam mir das lächerlich vor. Ich stapfte weiter, über alte, grob behauene Steine, die im Laufe der Jahrhunderte durch tausende von Schritten glatt geschliffen worden waren, und über die ausgetretenen Balken der Zugbrücke, die leise knarzten.

Noch immer hatte sich niemand bei mir bemerkbar gemacht, doch als ich den steinernen Eingangsbogen betrat, hörte ich Stimmen. Die Burg war also nicht verlassen. Ich trat in den Hof. An einem Langen Holztisch saß eine Gruppe Junger Leute, die scheinbar ein Kartenspiel spielten. Sie witzelten herum und waren zu sehr in ihre Späße vertieft, als dass sie mich bemerkt hätten.

Auf der anderen Seite des Hofes saß eine Frau im Schatten der Mauer und las. Sie war deutlich älter als die anderen, ich schätzte sie auf um die 40. Sie hatte lange dunkle Haare, die lose über ihrem Rücken hingen. Sie war sehr hübsch, doch ihr Gesicht war von einer seltsamen Strenge geprägt. Im Gegensatz zu den anderen hatte sie mich bemerkt. Sie ließ ihr Buch sinken uns fragte:

„Was willst du hier?“

Sie sprach mit einem seltsamen Akzent, den ich nicht einordnen konnte, doch unverkennbar war die Geringschätzung, die in ihren Worten mitschwang.

„Theresa, du sollst nicht immer so unfreundlich mit den Jungen aus der..“

Einer der Leute von Tisch war aufgestanden und hatte sich in unsere Richtung gewandt, doch mein Anblick ließ ihn stocken. Scheinbar war ich nicht die Person, mit der er gerechnet hatte.

„Wer bist du?“, fragte er.

„Ich bin Pete. Ich muss dringend mit eurer Chefin sprechen.“, antwortete ich, und bemühte mich um eine feste Stimme. In meinem Kopf rasten die Gedanken. Ich hatte fast drei Wochen gebraucht, um den Weg dorthin zu schaffen, doch während jener Zeit hatte ich mir nie Gedanken gemacht, was genau passieren würde, sollte ich mein Ziel erreichen. Ich war zu sehr damit beschäftigt gewesen, ein sicheres Lager für die Nacht aufzutreiben, eine bezahlbare Mitfahrgelegenheit für einen Teil des Weges oder ein kostenloses Essen.

„Komm mit,“, sagte der Junge Mann. Ich schätzte ihn auf etwa 20 Jahre. Er war groß gewachsen, wirkte dabei aber weder schlaksig noch bedrohlich. Aus seinem Kopf sprießten prächtige, Rote Locken, die er kurz geschnitten trug. Er ging zügig und selbstsicher voran, als wäre es das normalste der Welt, dass ein bewaffneter Junge hinein-spazierte und mit der Piratin zu sprechen verlangte. Er führte mich durch den Haupteingang in eine historische Eingangshalle. Der Boden war mit klassischen Schachbrettfliesen belegt. Eine breite, hölzerne Treppe mit dunkelgrünem Teppich belegt, führte nach oben. Der Rotschopf ergriff das Geländer und reckte seinen Kopf nach oben.

„Käpt'n!“, rief er. Seine Stimme war seltsam hoch für sein alter.

„Was ist?“, kam eine weibliche stimme zurück.

„Hier ist ein schwer bewaffneter Knirps, der etwas von dir will.“

Ich biss die Zähne zusammen. Ich mochte jünger sein als er, und mit meiner drahtigen, damals fast mageren Gestalt auch noch mal etwas jünger aussehen als ich war, doch mit einem Knirps hatte ich in meinem Augen genauso wenig gemeinsam wie mit einem Greis.

Er schien meinen Blick bemerkt zu haben, reagierte aber nicht weiter darauf. Es war wie ein Machtspiel seinerseits. Ihr Haus, ihre Sprache, ihre Regeln.

„Bring ihn hoch!“, kam es von oben zurück.

Er trat auf die Treppe, und ich folgte ihm. Die alten Dielen knarzten gedämpft unter dem Teppich. Fast schon vorsichtig legte ich meine Hand auf das geschnitzte Geländer, das von einem Gerüst aus schnörkeln und Figuren getragen wurde.

Wir stiegen in den zweiten Stock. Dort, gegenüber des Treppenabsatzes befand sich eine große, doppelflügelige Tür, geschnitten aus Holz, in der Mitte verziert mit einem Goldenen Wappen.

Der Rotschopf klopfte.

„Komm rein“, tönte es von drinnen.

Er öffnete, und ich folgte ihm in eines der ungewöhnlichsten Zimmer, dass ich je gesehen habe. Teile der Einrichtung waren so alt wie vieles andere in der Burg, doch auch neuere Stile waren zu erkennen. Auf einen großen, alten Holztisch lag ein Stapel von Karten, eine alte Ritterrüstung stand in einer Ecke. An einer Wand prangte ein großer Bildschirm. Das war ein Zeichen absoluten Luxus, war doch elektrischer Strom schon lange keine Selbstverständlichkeit mehr. Gegenüber der Tür an der Wand befand sich ein von ähnlichen Schnörkeln und Figuren gefasstes Wappen, nur dass es nicht jenes war, was man sonst überall im Schloss sah. Man hatte es dunkelgrün übermalt, und der Mitte prangte ein Goldener Anker, dessen Schaufeln aus Pferdeköpfen bestanden. Unter diesem Wappen stand ein ausladender, viktorianischer Schreibtisch, und dahinter saß eine Frau mit langen, schneeweißen Haaren. Ich hatte bereits gehört, dass die Piratin nicht mehr jung war, doch diese Dame schätzte ich auf etwa 70. Doch ihre grauen Augen waren aufmerksam und musterten mich eingehend. Sie mochte zwar schon einige Jahrzehnte auf dieser Erde verbracht haben, aber sie war in keinster Weise gebrechlich.

Mit einer Handbewegung deutet sie dem Rotschopf zu gehen.

„Du bist neu hier.“, stellte sie fest, nachdem die Tür wieder ins Schloss gefallen war. Sie sprach mit einem merkwürdigen Akzent. Da war unverkennbar das Schottische, aber darunter lag noch etwas anderes, irgendwie kantiges, das ich nicht einordnen konnte.

„Was gibt es?“, fuhr sie fort. Ihr Ton enthielt keinerlei Wertung, er war geschäftsmäßig neutral, während ihre ganze Haltung eine selbstverständliche Autorität ausstrahlte. Ich überlegte, wie ich mein Anliegen am besten vorbringen konnte, doch ein anderer Gedanke schoss mir durch den Kopf. Bevor ich ihn zu ende gedacht hatte, sprach ich ihn aus:

„Ich möchte ihrer Gruppe beitreten!“

„Ausgeschlossen.“, erwiderte die Piratin kategorisch, doch ihr Gesicht zeigte Überraschung. Es war scheinbar ganz und gar nicht das, womit sie gerechnet hatte. Auch ich war verblüfft, diesen Satz ausgesprochen zu haben. Schließlich war ich auf der Suche nach einer unentdeckten Fahrgelegenheit zum Festland, und nicht nach einem zweifelhaften Job.

Nach dem Bruchteil einer Sekunde hatte die Dame sich wieder gefangen und sagte: „Du bist zu jung dafür. Das hier ist kein Spiel, und es ist auch kein Abenteuer wie in den Büchern, die du vielleicht gelesen hast.“

Anders als die Worte der Frau im Hof, waren die ihrigen nicht abwertend, sondern sachlich. Trotzdem ärgerten sie mich, denn ich mochte es nicht, wenn Leute mich als kleines Kind sahen.

„Ich..“, setzte ich an, um schon irgendwie mit der Wahrheit rauszurücken, doch dann hatte mich mein Ehrgeiz gepackt.

„Ich bin 15 und habe es alleine von der Stadtenklave bis hierher geschafft. Es liegt an Ihnen, ob Sie mich wegschicken, aber behandeln Sie mich nicht, wie ein kleines Kind.“

„Ist das so?“, sagte sie mehr zu sich selbst und fragte:

„Wie heißt du?“

„Pierre-Gilbert“, nannte ich ihr meinen vollen Namen. Ich verwendete ihn nie, die meisten Engländer massakrierten ihn aufs gröbste, es sei denn, ich wollte wichtig klingen.

Der Gesichtsausdruck der Alten änderte sich, sie legte interessierst den Kopf zur Seite und dachte nach.

„Bist du Franzose?“, fragte sie mit einer gewissen Neugierde.

„Technisch gesehen Belgier. Meine Mutter und ihre Schwester flohen vor den Reaktorkonflikten hier her.“, antwortete ich, ohne auf weitere Details einzugehen.

„Verstehe“, sagte sie, während es in ihrem Kopf weiter zu arbeiten schien. „Sprichst du denn Französisch?“

„Ja.“ sagte ich knapp.

Die Piratin seufzte einmal. Die Nächsten Sätze sprach sie langsam, jedes Wort abwägend.

„Ich werde dir eine Chance geben, auch wenn ich damit meine wichtigste Regel breche, aber ich brauche dringend einen Dolmetscher. Du bist damit der Jüngste Rekrut, den ich je hatte.“

Sie seufzte noch einmal. „Ich hoffe, ich bereue das nicht.“ Die letzten Worte hatten nicht mir gegolten, sie hatte sie leise zu sich selbst gesagt.

Ich konnte mir ob meines Erfolges ein Lächeln nicht verkneifen. Der Gedanke, einfach eine Weile bei den Piraten zu bleiben, bis sich eine günstige Gelegenheit bot, ans Festland zu gelangen, war mir so spontan gekommen, dass ich mir der Tragweite dieser Entscheidung nicht annähernd bewusst war. Zu dem Zeitpunkt erschien es mir eine gute Idee, ein Dach überm Kopf, ein Bett und regelmäßig was zu Essen. Nach den drei Wochen Unterwegs war mir nach einer Pause, nach einem irgendwie geregelten Leben. Das ich mich dafür einer Gruppe von Dieben anschloss, erschien mir nicht problematisch, denn sie wirkten zivilisiert und wohlhabend.

„Freue dich nicht zu früh,“, sprach sie weiter, und ihr Gesicht nahm einen grimmigen Ausdruck an, „Schlechte Nachrichten zu überbringen ist ein ganz mieser Job.“

Ich zuckte mit den Schulten. „Es hat mich noch nie interessierst, ob die Leute mich mögen.“

Die Alte lächelte und starrte einige Sekunden in die Ferne. „Das habe ich in deinem Alter auch oft gesagt. Aber das ist eine andere Geschichte.“

Einen Augenblick später hatte sie sich wieder gefangen und hob ihre Stimme.

„Joshua! Gib dem Kleinen hier ein Zimmer.“, befahl sie durch die geschlossene Tür.

Einen Moment später kam der Rotschopf herein. Er fuhr sich mit der linken Hand durch seine Haare und wandte sich seiner Anführerin zu, während er mich keines Blickes würdigte.

„Das blaue Gästezimmer oder das unten?“, fragte er geschäftig.

„Nein, oben bei euch.“, erwiderte die Piratin.

Das ließ in stutzen.

„Dir ist klar, das du das bereuen wirst?“, sagte er nur.

„Nun gut, dann komm mal mit, Kleiner.“

Ich ballte meine Hand zu einer Faust, verzog aber keine Mine. Schweigend folgte ich Joshua. Als ich mich umdrehte um die Tür zu schließen, sah mich die Piratin noch einmal an.

„Eines Noch: Du trägst mit einer Selbstverständlichkeit ein Gewehr, weil du eine Gefährliche Reise gemacht hast. Aber glaubst du, du könntest damit einen Unschuldigen Weggenossen erschießen?“

Ich wusste nichts darauf zu entgegnen, also schloss ich schnell die Tür, bevor ich lange über ihre Worte nachdenken musste.

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