top of page

1. Hilfe, 2.Hilfe, und dann? Was passiert bei medizinischen Notfällen auf See

bentonreiter
29. Apr. 2022
6 Min. Lesezeit

Habt ihr euch schon mal gefragt, was passiert, wenn sich Seeleute auf Hoher See verletzen oder erkranken? Wenn man diese Frage stellt, ist die Antwort die man hört meist die Evakuierung mittels Hubschrauber. Hier muss ich euch leider belehren - diese Option besteht in den Allermeisten Fällen Nicht, sind die Reichweiten von Helikoptern doch sehr beschränkt. Das Themen Bordartzt ist auch nur etwas für Schiffe, wo sich sehr viele Personen an Bord befinden, wie etwa bei Kreuzfahrtschiffen, Forschern oder bei manchen Schiffen der Marine. Auf Handelsschiffen, deren Besatzungen je nach Größe zwischen etwa 10 und 25 Personen bestehen, ist die Mitnahme eines Arztes weder vorgeschrieben noch wirtschaftlich. Auch wäre es ja mit einem Arzt alleine nicht getan, sondern braucht dieser auch entsprechende Ausrüstung. Wie bei so vielen Dingen an Bord gillt hier: Selbst ist der Seeleut.

Stellen wir uns nun einmal vor, wir befinden uns auf einer Reise irgendwo Zwischen China und Südamerika, und mitten auf dem Pazifik fällt bei schwerem Wetter jemand die Treppe runter, bricht sich ein Bein und legt sich eine Platzwunde zu. Das ist nicht schön, aber auch nicht unbedingt Lebensbedrohlich. An externe Hilfe gleich welcher Art kann in so einer Situation frühestens in ein paar Tagen gelangt werden. Also liegt es an den Kollegen, den Verletzten entsprechend zu versorgen. Aber wie? Beginnen wir mal mit der Hardware. An Bord jedes Schiffes gibt es eine Apotheke und meist auch eine Notfalltasche. Letztere dient mehr der ersten Hilfe. Die Apotheke selbst besteht aus allem möglichen und unmöglichen. Medikamente für verschiedene Eventualitäten, Schmerzmittel aller Grö ßenordnungen bis hin zu Morphin, Salben gegen Fußpilz und so weiter. Darüberhinaus gibt es noch allerler Arbeitszeug, angefangen bei Handelsüblichen Verbandsmaterialien, Handschuhen und Co. bis hin zu Nähzeug und Material um einen Zugang zu legen oder auch einen Urinkatheter. was genau sich im einzelnen in den Apotheken befindet, hängt von den Flaggenstaaten des jeweiligen Schiffes ab, sowie von dem Zugelassenen Fahrtgebiet. Je weiter sich ein Schiff auf offene See begibt, desto ausführlicher ist auch die Apotheke. Die Verwaltung und Instandhaltung der Apotheke ist sowieso recht Bürokratisch. über Bebenbungsmittel muss penibel Buch geführt werden, und gerade wenn es darum geht, abgelaufene Medikamente im Ausland zu entsorgen, kann das ganz schön kompliziert werden,

Auf den ersten Blick klingt das alles ganz wundervoll. Tatsächlich sind die Möglichkeiten aber dennoch sehr beschränkt. Das liegt vor allem daran, dass es an weiteren technischen Möglichkeiten mangelt. Kommen wir mal zurück zu unserem Treppenstürzer. Hat dieser sich das Bein denn wirklich gebrochen? kann man es augenscheinlich sehen, da sein Unterschenkel plötzlich einen Knick hat, ist das nicht schwer zu beantworten. Doch nicht jeder Bruch ist offenkundig sichtbar. Ich selbst habe mir als Kind und Jugendliche kleinere Brüche zugezogen, sichtbar als solcher war keiner davon. An Land landet man damit in der Notaufnahme oder der Orthopädischen Ambulanz, die Art der Verletzung wird ermittelt und dann entsprechend versorgt. Diese Möglichkeit besteht an Bord einfach nicht. Schließlich ist es alles andere als ratsam, einfach mal zu versuchen, das Entsprechende Körperteil in eine Unna türliche Richtung zu Bewegen, um zu sehen, ob es auch wirklich gebrochen ist. Mal abgesehen davon, dass sich der Patient bei solch einer Behandlung wahrscheinlich wehren würde oder vor Schmerzen die Kraft findet, auf seinem gesunden Bein davon zu Springen, könnte man damit mehr kaputt machen, als sowieso schon ist. Besteht der Verdacht auf einen Bruch oder ähnliches, bleibt nur die Immobilisierung des entsprechenden Körperteils. Das Material dafür ist vorhandenen. Früher wurde an Bord tatsächlich gegibst, heute geschieht das mit Schienen und Verbänden.  Manch ein Orthopäde wird hier die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wird doch heute auf Ruhigstellungen so weit wie möglich Verzichtet, gerade bei nicht Brüchen. Es geht darum, dass daraus Folgeschäden und oder Muskelabbau entstehen können, und so die Heilung mitunter deutlich länger dauert. Aber dass kann euch ein Arzt besser erklären, ist nicht mein Fachgebiet. Überhaupt gibt es an Bord einiges am Medizinischer Ausrüstung, die an Land als überholt gillt. Auch das hängt damit zusammen, das diese Dinge meist einfacher in der Bedienung sind, weniger technischen Aufwand benötigen und daher auch Laientauglicher sind. Unser Unglücksvogel bekommt also einer Schienenverband _ hoffen wir, dass er sich an Unterschenkel oder Fuß verletzt hat, am Oberschenkel ist das nämlich ziemlich schwierig bzw. unter Umständen unzureichend. Bei Bedarf kann versucht werden, durch leichten Zug einen Knochen, der nicht mehr grade ist, zu richten. Den Rest muss der Körper alleine schaffen. Wie gut das Ergebnis am Ende wird, steht dann in den Sternen. Es wird noch empfohlen, bei Ruhigstellung eines Beines eine prophylaktische Thrombosespritze zu geben, danach ist das Thema Bein erst mal erledigt.

Wenden wir uns also der Platzwunde zu. Es gibt verschiedene Mittel um verschiedene Wunden zu Versorgen, nähen, klammern, kleben oder eben einfach nur verbinden. Ich möchte hier nicht zu sehr ins Detail gehen und das Lehrbuch abschreiben, schließlich geht es hier ums Prinzip. Spätestens hier sollte aber noch etwas anderes geschehen. Zwar Erwartet man von Seeleuten, dass sie gewisse... Handlungen... der Medizinischen Versorgung durchführen können, sie haben aber kein entsprechendes Fachwissen, um Situationen beurteilen zu können. Dafür gibt es sogenannte Funkärtzliche Beratung. In Deutschland ist das Medico. Dort sitzen rund um die Uhr erreichbare, speziell ausgebildete Ärzte, die auf verschiedenen wegen zu Erreichen sind. Diesen wird die Situation geschildert, falls möglich können Z.B. auch Bilder übermittelt werden. Es wird dann Anweisung gegeben, wie zu verfahren ist, insbesondere beim Thema Medikamentengabe. Nun denn, frohes Nähen. Gewisse Medikamente dürfen überhaupt nur nach Absprache gegeben werden, es sei denn, das ist zum fraglichen Zeitpunkt schlicht unmöglich. Die Kontaktaufnahme mit Medico ist nicht auf akute Notfälle beschränkt. Uns wird beigebracht, dass man sich auch bei Dingen, mit denen man sich zu Hause an den Hausarzt wennden würde, an die Medizinische Beratung wenden soll, wenn nicht in näherer Zeit ein Arzt im Hafen aufgesucht werden kann. ob das in der Praxis passiert, ist ein etwas anderer Punkt, denn das hängt davon ab, ob die Crewmitglieder sich melden, bevor das Problem groß und akut geworden ist. Dieses Beispiel beschreibt allerdings in Zweierlei Hinsicht einen Idealfall. Zum einen hatte der Patient keine Lebensbedrohlichen Verletzungen oder Erkrankun gen, zum anderen wussten die Beteiligten alle was zu tun war und die Versorgung lief reibungslos. Das ist in der Praxis beides nicht immer gegeben. Während ich mir gut vorstellen kann, eine Person in einer solchen Lage zu versorgen, können aber auch Sachen passieren, bei denen selbst ein ausgebildeter Arzt an Bord machtlos wäre. Nicht, weil er nicht wüsste, was zu tun ist, sondern weil schlichtweg keine Möglichkeit der Behandlung gibt. Herz infarkte und Schlaganfälle, Erkrankungen im Bauchraum, Unfälle mit hohem Blutverlust. Alljene Dinge, die einen sonst unverzüglich in die Notaufnahme bringen, sind an Bord im Zweifelsfall verloren. Natürlich gibt es Ausrü stung für die 1. Hilfe, bei manchen Dingen auch Medikamente für die 2., einen Solchen Patienten aber Tagelang durch zubekommen, wenn es tatsächlich auf hoher See passiert, ist mehr als unwarscheinlich. Und das ist eine Situation, vor der ich großen Respekt habe. Weniger davor, dass es mir selbst passieren könnte - dort draußen zu sein ist meine Entscheidung, damit auch mein Risiko - sondern davor, eines Tages dort als Offizier neben zu stehen und exakt nichts tun zu können. Ich bin skrupellos, was Blut und Co angeht und traue mir Zu, einen Äußerlich verletzten zu Versorgen, der Umgang mit jemandem, der aber irgend ein inneres, nicht näher definierbares Problem hat, ist eine andere Sache. Und selbst wenn klar ist, dass die Person einen Schlaganfall hat; Ich, mitten auf See und als Laie werde dann trotz Beratung machtlos sein.

Und Tod an Bord ist sowieso ein ganz heikles Thema. Wenn in einem kleinen Unternehmen jemand stirbt, und alle schauen dabei zu, gibt es wahrscheinlich einen Tag Sonderurlaub. Der Tag ist auf jeden Fall gelaufen. An Bord gibt es diese Option nicht. Auf hoher See muss der Alltag zu einem gewissen Grad zwangsläufig weiter gehen, zumindest bis zum nächsten Hafen. Ich möchte hier nicht zu weit spekulieren, wie man sich dann im Zweifelsfall verhält, denn es ihängt sicherlich Massiv von den Umständen des Vorfalls ab.

Der andere Punkt , wie gut ist man am Ende wirklich, wenn man Hand anlegen muss. Die medizinische Ausbildung besteht bei Offizieren in Deutschland aus einem Kurs über ein Semester an der Hochschule, einem Praktikum im Krankenhaus im Studium sowie einem Refresher Kurs, der alle Paar jahre wiederholt werden muss. Das ist nicht viel, zumal möglichst Viele Dinge dort abgehandelt werden sollen. Ich lerne im Moment Dinge zwischen Schmerzmitteln und (Fehl)Geburt, von Psychologischen Notfällen bis Herz infarkten, und Unfälle, von Verbrennung bis Unterkühlung. Praxis kann man dort wenig üben, womit auch? Auch das Praktikum dient nicht in erster Linie dazu, Dinge auszuprobieren, das geht ja schon aus Sicht der Patienten im Krankenhaus nicht. Es geht eher darum, dass man das ein oder andere schon mal gesehen hat, auch die unschöneren Dinge, damit man im Zweifelsfall nicht Ohn mächtig aufs Deck fällt und damit der zweite Notfall ist. Ich persönlich bin ziemlich gespannt darauf, Medizinische Themen haben mich immer interessiert, auch wenn ich nicht einfühlsam genug veranlagt bin, um zum Arzt zu taugen. Hoffen wir, dass ich nicht nur Betten machen werde. Was ich da so von anderen gehört habe ist das viel Glückssache, an was für Leute man da gerät. In dem Sinne hoffe man zum Wohle aller Beteiligten, dass es auf Hoher See nur zu Kleinigkeiten kommt. Wenn ich mir allerdings die Stunts ansehe, die ich so als Kadett schon gebracht habe, bin ich mir da nicht so sicher.

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Die Piratin: 1. Das Schloss

Ich trat an den Waldrand uns ließ meinen Blick schweifen. Das also war das berüchtigte Eilean Donan Castle. In einer dunklen Zeit hatte...

 
 
 

Kommentare


Bleib immer auf dem Laufenden...

Danke für's Abbonieren!

  • zwitschern

© 2021 by Windmädchen. Proudly created with Wix.com

bottom of page